Haiti

zu beschreiben, ist nicht wirklich möglich, denn es ist zu anders, unvergleichlich, extrem, eine eigene Welt. Haiti kann man nur erleben – immer wieder anders. Ich habe es erfahren als kompromisslos, konfrontierend, unbeschreiblich schön, ehrlich, warm, unberechenbar. Die wilden Strände im Süden und Kayalo, die kleine Fischerinsel. Dort das schönste Osterfest meines Lebens; ein Geburtstag mitten im karibischen Meer in einem winzigen Boot mit Motorschaden - kein Ruder, aber die Hoffnung verlieh uns Flügel und eine Zeltplane, die zum Segel wurde, um uns sicher an Land zu bringen. Dann Port-au-Prince und seine hohen kahlen Berge: Staub, Stau und viel Geduld, überall Armut, aber das Wort reicht nicht aus ... und die Menschen? mutig, warmherzig, zurückhaltend, respektvoll; Haitis wunderschöne Frauen, so stolz – ihr Blick: ein Geheimnis – es liegt so viel in ihren großen Augen.

 

  • Vodou-Pantheon
  • Vodou für Einsteiger

Die Marassa

Im Vodou unterscheidet man zwei Parallelwelten – die materielle und die immaterielle, in der die so genannten invisibles (die Unsichtbaren) existieren.
Die Haitianer denken sich die Menschen als Zwillingswesen (marassa). Nach ihrer Vorstellung projiziert jeder Mensch auf der metaphysischen Ebene, die einem dunklen Spiegel entspricht, einen Schatten seiner selbst, den Marassa.
Dieses immaterielle Abbild heißt auch gros-bon-ange. Ähnlich der christlichen Vorstellung einer Seele überdauert der gros-bon-ange den physischen Tod des Körpers, mit dem er einst geboren wurde und hält dann Einzug in die Geisterwelt, mit all seinen Stärken und Schwächen sowie Vorlieben und Abneigungen. Sich in der Fülle der individuellen Eigenheiten der invisibles auszukennen, ist Aufgabe des Vodoupriesters. Denn nur dieses Wissen verschafft ihm Zugang zu den Geistern und ermöglicht es ihm, sie dazu zu bewegen, den Lebenden zu helfen – manchmal eine Gratwanderung, die seitens des houngans großen diplomatischen Geschickes bedarf. Letztlich ist es jedoch ebendiese Menschlichkeit im Wesen des lwa, die der Vodoureligion ihre Lebensnähe verleiht.

Damballah

Kein Anfang, kein Ende – immerwährend – unendlich: das ist Danbala. Papa Danbala, die gütige Himmelsschlange, zählt zu den ganz großen Gottheiten des Vodoupantheons. „Sie ist so alt und ehrwürdig“, schreibt Maya Deren, „ dass es scheint, sie gehöre einer Welt an, die zu einer Zeit existierte, in der es die Probleme, mit denen die Menschen später konfrontiert wurden, noch nicht gab.“ Eng verbunden mit Danbala ist Ayida – das weibliche Pendant. Beide umwinden den Kosmos, halten die Welt in liebevoller Umarmung als Garanten von Frieden und Harmonie.

Legba

ist der Hüter des Kreuzweges. Nur, wenn er das Tor zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt öffnet, können andere Geister erscheinen.

 

Gèdé

ist eine der kuriosesten Figuren der Geisterwelt. Er erscheint oft am Ende der Zeremonien oder platzt völlig unerwartet mitten in das Geschehen hinein. Für Gèdé gibt es keine Grenzen, denn er ist der Geist der Toten. Keiner kennt die Menschen so genau wie er, und es gibt nichts, was er nicht schon gesehen hätte. Deshalb nimmt er alles gern mit Humor, ringt sogar dem Tod noch ein Lächeln ab. Gèdé liebt den Sex und er lässt keine Gelegenheit aus, dies seiner Umgebung auf drastische Weise mitzuteilen. Kein Wort, keine Bewegung ist ihm dabei zu obszön – im Gegenteil, je gehemmter sein Gegenüber, desto frivoler wird seine Vorstellung. Meine erste persönliche Begegnung mit Gèdé hatte ich, als er auf einer Zeremonie in den Körper einer siebzigjährigen geschlüpft war, die dann mit einem Stock tänzerisch recht merkwürdige Dinge trieb, während sie Lobgesänge auf das männliche Glied schmetterte…
Aber trotz all seiner kleinen Provokationen mag Gèdé die Menschen. Er ist der große Heiler unter allen Geistern und wird bei schweren Krankheiten gerufen.
Gèdé erscheint oft mit einer Sonnenbrille, die nie wirklich gerade auf der Nase sitzt. Es kann durchaus ein Glas fehlen, was insofern nicht stört, da er gern mehrere Brillen übereinander trägt.

Vodou für Einsteiger


Die Voudousis glauben an einen Gott – nur meinen sie, sei dieser mit wichtigeren Dingen beschäftigt, als dass er sich um die vielen kleinen Sorgen der Menschen kümmern könne. Hier sollen die Geister einspringen und gegebenenfalls auch zwischen Gott und den Menschen vermitteln.

Vodou ist für die Haitianer keine Frage des Glaubens, sondern vielmehr eine Sache des Praktizierens oder Nichtpraktizierens. Anhänger des Vodou würden daher niemals die Frage stellen, ob man an Vodou glaubt. Stattdessen erkundigen sie sich, ob man den Geistern Ginens dient.


Eine Vodouzeremonie ist eigentlich wie ein Fest. Jeder, der möchte, kann teilnehmen. Da sind Trommeln, Menschen, die gemeinsam singen und tanzen. Oft fließt Alkohol - und, wenn die nötigen finanziellen Mittel vorhanden sind, gibt es auch reichlich zu Essen. Gäste werden ausgesprochen zuvorkommend behandelt. Nicht jedes Fest wird mit der Idee ausgerichtet, dass Geister erscheinen sollen, aber wenn sie kommen wollen, dann sind sie selbstverständlich willkommen.

Ein Houngan bzw. eine Manbo hat in erster Linie die Aufgabe, den Menschen ihrer Gemeinde zu helfen. Sie sind Heiler mit hervrragendem psychologischem Gespür und von großer Fürsorglichkeit. Der Grad ihres Ansehens ist eng daran geknüpft, inwieweit sie Hilfesuchende erfolgreich beraten und kurieren können. Ihre Autorität müssen sie sich also täglich neu erarbeiten. Führt man sich diese Tatsache vor Augen, dann wird vielleicht verständlich, dass ein Vodoupriester nicht wirklich viel davon hat, wenn er auf irgendwelche Puppen einsticht, um anderen Schaden zuzufügen.

Was ist das nun aber mit den Puppen und den Zombies etc.? – zunächst ein Klischee, das Hollywood und die Sensationsberichterstattung selbst in so seriösen Zeitungen wie der „Zeit“ stark in unseren Köpfen geprägt hat, – sicherlich auch die Angst vor dem Unbekannten. Obwohl: Sind wir heutzutage nicht alle ein bisschen zombie? Und doch, ich selbst habe zwar noch keinen Zombie getroffen, aber die Haitianer sagen auch, es gäbe sie … Wie das? Es gibt demnach nicht nur nette Vodoupriester, sondern auch sogenannte Anhänger der Schwarzen Magie, die die Geisterwelt für ihre egoistischen Zwecke missbrauchen. Es gibt sie, aber sie stellen in der Vodougemeinde eine verschwindend kleine Minderheit dar.

Tieropfer – ich habe darüber gelesen – habe es in Dokumentationen gesehen – erlebt habe ich sie persönlich äußerst selten – denn dafür fehlt in der Regel das Geld. Außerdem mögen viele Geister auch kein Blut. Die Opfergaben einer Zeremonie, die ich besucht habe, bestand zum Beispiel aus Popkorn. Und all denjenigen, die sich Sorgen um das Wohlergehen des haitianischen Huhnes machen, sei gesagt: `meer bio geht nicht` ...

Kayalo 2001

Eine Begegnung

„Kommt, kommt! – Papa Pierre ist da. Kommt, ihn zu begrüßen!“ Neugierig folge ich den Menschen, lasse mich treiben von diesem Strom allgemein – freudiger Ausgelassenheit, der durch den ganzen Raum schwingt. Ein Arm zieht mich aus der Menge und ich schaue in Lolos freundliches Gesicht: „Bevor Du zu ihm gehst, solltest Du folgendes wissen: Es kann sein, dass Papa Pierre Dir etwas gibt – etwa so“: Er nimmt meine linke Hand und umschließt sie fest mit seiner rechten, „halte es ganz fest und stecke es in Deine Hosentaschen - verlier es auf keinen Fall!“ Mir bleibt kaum Zeit zu nicken, so schnell hat er mich wieder zurück in die Menge geschoben. Alle schauen nach vorn, auf das Geschehen rund um die kleine Kerze, die tanzende Schatten an die Wände wirft. Sie warten geduldig, dass sie an die Reihe kommen. Papa Pierre nimmt sich Zeit, scheint für jeden Grüßenden eine ganz persönliche Botschaft zu haben. Schließlich stehe ich vor ihm. Zwei Arme, die sich herzlich öffnen. Ich ergreife die kleinen alten Hände. Plötzlich verspüre ich einen Ruck. Ich verliere das Gleichgewicht und finde mich kniend vor der gebeugten Gestalt wieder, die auf einer Strohmatte sitzt. Keine Zeit zum Nachdenken – meine Hände scheinen mit den seinigen verwachsen, die mich mit einer unglaublichen Kraft hin und her wirbeln. Mir unverständliche Worte umschwirren meinen Kopf, werden eins mit dem bizarren Tanz, den ich unfreiwillig vollführe. Der Körper vor mir gehört einer rheumageplagten Person von 95 Jahren – kaum zu glauben, dass er stärker sein soll als meiner, der doch so viel jünger, trainierter ist. Ich gebe jeden Widerstand auf und lasse mich immer wieder an eine von Papa Pierres Wangen ziehen – dann, plötzlich: Ruhe, Pause, Stillstand – Schluss mit dem Staccato an Hin – und Her. Ganz langsam nimmt Papa Pierre meinen Kopf und zieht ihn sanft zu sich heran, um mich dann zärtlich auf die Stirn zu küssen. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Etwas in mir löst sich zu Tränen, die über mein Gesicht rinnen. In diesem Moment nimmt er meine Hände und schlägt zweimal leicht auf ihre Innenflächen. Erst in letzter Sekunde erinnere ich mich an die Bedeutung dieser Geste und forme Fäuste, die ich in meine Taschen gleiten lasse. Nun habe ich Papa Pierres Segen, aber ich bin ganz benommen, denn schließlich habe ich noch nie in meinem Leben einen Geist berührt. Denn genau das ist Papa Pierre, ein Esprit, der in Man Chouns Körper gefahren ist und Man Choun ist die Manbo, die die Zeremonie abhält, deren Gast ich bin. Aber Man Choun und ich - das wäre eine ganz andere Geschichte ...

aus Reiseimpressionen 2006, Kap Haitien